Autofasten 2010


Studie Aktion 99

AUTOFASTEN 1999 – Erste Studie zur Wirkung

AUTOFASTEN 2006 ist bereits die neunte derartige Aktion. Im Jahr 1999 haben sich 390 Frauen und Männer aus dem Saarland und Rheinland-Pfalz an der Aktion AutoFasten’99 beteiligt. (mittlerweise sind es zusammen weit über 7.000). Thomas Braun, Verena Meister und Almuth Schomecker, damals Studierende der Universität Trier (Angewandte Geographie/Raumentwicklung) haben im Sommersemester 1999, gefördert durch Professor Dr. Heiner Monheim, die Erfahrungen dieser Autofasterinnen und Autofaster erhoben und untersucht. Hier eine Kurzfassung dieser ersten Projektstudie.

Verlauf der Aktion AutoFasten 99

Die Aktion AUTOFASTEN wurde von der Umweltkommission des Bistums Trier 1998 ins Leben gerufen. Auch 1999 wurden die Einwohner des Bistums Trier dazu aufgerufen, während der Fastenzeit bewusst das Autofahren einzuschränken und alternative Verkehrsmittel zu benutzen. Dabei stand das Fasten nicht unter dem Aspekt “Opfer” und “Verzicht”, sondern wurde als Gelegenheit gesehen, den eigenen Alltag und Lebensstil zu prüfen und Mobilitätsalternativen zu testen. Als Anreiz dazu wurden von einigen ÖPNV-Anbietern im Gebiet des Bistums Trier (leider nicht allen) 500 Fastentickets aufgelegt, die während der Fastenzeit zwei Wochen lang zur kostenlosen Nutzung von Bussen und Bahnen sowie den Fahrrädern der beteiligten Fahrradleihstationen berechtigten. 390 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen dieses Angebot wahr. Am Ende der Aktion wurden alle Teilnehmenden zu ihren Erfahrungen während der Aktion mittels eines standardisierten Fragebogens befragt. 122 Teilnehmende gaben ihren Fragebogen zurück, was einer Rücklaufquote von 31 Prozent entspricht.

Demographie der Befragten

Der Anteil der befragten Frauen und Männer war gleich hoch. Im Vergleich zur durchschnittlichen Altersverteilung in der BRD war die Gruppe der 18- bis 24jährigen mit etwa 11 Prozent etwas geringer vertreten, die Gruppe der 25- bis 44jährigen mit 47 Prozent etwas stärker. Auch die 45- bis 64jährigen hatten mit 38 Prozent einen größeren Anteil, die 65jährigen und älter sind dagegen mit 11 Prozent geringer als in der Normalverteilung vertreten. Der Grund ist möglicherweise, dass Jugendliche weniger von der Kirche angesprochen werden, während ältere Menschen nicht mehr so häufig Auto fahren und sich deshalb nicht an der Aktion beteiligten.

Der Bildungsstand der Befragten war vergleichsweise hoch. 41 Prozent hatten Abitur oder einen Hochschulabschluss, 5 Prozent Fachhochschulreife und 29 Prozent Mittlere Reife. Diese Tendenz zeigt sich einerseits häufig bei dieser Art der durchgeführten Befragung, andererseits sind die Höhergebildeten auch die Gruppe, die sich am ehesten auf Veränderungen in ihrem Alltag einläßt.

Die meisten der Befragten kamen aus den Landkreisen Trier-Stadt (41 Personen) und Saarlouis (31 Personen). Die anderen Kreisen waren bis auf den Stadtverband Saarbrücken (15 Personen) und Trier-Saarburg (14 Personen) mit unter 10 Befragten vertreten, weswegen für diese Kreise keine repräsentativen Aussagen gemacht werden können.

Überraschend war die Verteilung der Befragten nach Wohnumfeld. Es wurde erwartet, dass die meisten Teilnehmenden aus zumindest innenstadtnahen Gebieten kommen würden, weil hier die Infrastrukturausstattung und die ÖPNV-Anbindung am besten sind. Aber nur 22 Prozent beschrieben ihr Wohnumfeld als in der Innenstadt oder innenstadtnah gelegen. 36 Prozent leben in einem städtischen Außenbezirk, 13 Prozent in einer Einfamilienhaussiedlung und immerhin 29 Prozent in einer ländlichen Gemeinde.

Positive Erlebnisse auf den Fußwegen der Teilnehmenden an der Aktion AutoFasten ‘99:

Motivation der Befragten

Die Frage nach der Motivation zur Teilnahme konnte mehrfach beantwortet werden. Drei Viertel der Befragten ließen sich von Umweltschutzgründen motivieren. 46 Prozent wollen bewusst in der Fastenzeit ihren Alltag überdenken, 36 Prozent den Alltag ohne Auto testen, 29 Prozent Mobilitätsalternativen ausprobieren und 22 Prozent ließen sich von Gesundheitsüberlegungen leiten. Jeweils etwa 15 Prozent nahmen teil, weil sie auf diese Weise einen kostenlosen Fahrschein erhielten, weil sie bereits letztes Jahr teilgenommen hatten oder weil sie anderen ein Vorbild sein wollten. Es zeigt sich also, dass der Umweltschutzgedanke eine dominierende Rolle gespielt hat, dass aber auch religiöse Gründe wichtige Motive waren.

Gründe für die Teilnahme:

Form des Autofastens

Auf die Frage nach der gewählten Form des Autofastens, bei der bis zu drei Antworten angekreuzt werden konnten, gaben 86 Prozent der Befragten an, sie seien auf Busse und Bahn umgestiegen. 47 Prozent ersetzten Autofahrten durch Fußwege, 35 Prozent fuhren mit dem Rad und 24 Prozent gaben an, auf Wege verzichtet zu haben. Nur 10 Prozent konnten das Auto ganz stehen lassen. Das “FastenTicket” machte den Umstieg auf Busse und Bahn natürlich einfach, weshalb auf dieser Alternative zum Auto der Schwerpunkt lag.

Erfahrungen auf den Fußwegen

Beim Gehen der alltäglichen Wege wurden von den Befragten weit überwiegend positive Erfahrungen gemacht. 59 Prozent gaben an, sie hätten Zeit gehabt, die Umgebung ihres Weges wahrzunehmen, 55 Prozent schätzten die beim Gehen erlangte Fitness, 33 Prozent fanden ihre Wege stressfreier. Jeweils ein Viertel konnte für Autos gesperrte Abkürzungen nutzen und empfand die mögliche Kommunikation mit anderen Menschen als angenehm. 17 Prozent freuten sich an der Schönheit des Weges und seiner Umgebung. Etwa 10 Prozent stellten fest, dass der Weg schneller oder kürzer als gedacht war, bzw. dass sie zu Fuß im Gegensatz zu Autofahrt und Parkplatzsuche Zeit sparen konnten. Negativ waren vor allem der durch das Gehen entstandene Zeitverlust (40 Prozent), die durch parkende Autos oder durch auf dem Weg angebrachten bzw. abgestellte Gegenstände blockierten Fußwege (39 Prozent), die langen Wartezeiten an Ampeln oder Überwegen bzw. Schwierigkeiten beim Überqueren einer Straße ohne Querungshilfe (20 Prozent) und die geringe Attraktivität der Wege und ihrer Umgebung (11 Prozent). 57 Prozent der aus dem Kreis Saarlouis stammenden Befragten gaben an, von blockierten Fußwegen behindert worden zu sein, hier scheint großer Handlungsbedarf zu bestehen. Am negativsten wurde in Trier der Zeitverlust gegenüber der Autofahrt wahrgenommen.

Erfahrungen beim Radfahren

Auch das Radfahren wurde überwiegend positiv bewertet. 54 Prozent schätzten die körperliche Fitness, 49 Prozent konnten für Autos gesperrte Abkürzungen fahren, 31 Prozent waren schneller als gedacht, 27 Prozent sparten Zeit gegenüber der Autofahrt inklusive Parkplatzsuche und der gleiche Anteil fand beim Radfahren Zeit, die Umgebung wahrzunehmen. Jeweils ein Fünftel der Befragten fand ihren Weg und seine Umgebung attraktiv und fühlten sich durch das Radfahren stressfreier. Negativ bewertet wurden besonders blockierte Radwege durch parkende Autos oder auf den Wegen angebrachte bzw. abgestellte Gegenstände (59 Prozent), die mangelhafte Wegbeschaffenheit (35 Prozent) und die problematische Straßenüberquerung durch schlechte bzw. fehlende Querungshilfen (25 Prozent). 10 bis 15 Prozent der Befragten fühlten sich unsicher im Verkehr, empfanden das Radfahren als anstrengend oder erlitten Zeitverluste gegenüber der Autofahrt und Parkplatzsuche.

In Trier wurde besonders die mögliche Nutzung von für Autos gesperrten Abkürzungen (64 Prozent), die Zeitersparnis gegenüber Autofahrt und Parkplatzsuche (40 Prozent) und die körperliche Fitness (36 Prozent) positiv empfunden. Negativ waren für 53 Prozent die blockierten Radwege, für 33 Prozent die mangelhafte Wegbeschaffenheit und für 26 Prozent die erforderlichen Umwege.

Die Mehrzahl der Teilnehmenden aus Saarlouis genossen die körperliche Fitness

(61 Prozent), konnten für Autos gesperrte Abkürzungen nutzen und waren deshalb schneller als gedacht an ihrem Ziel (jeweils 39 Prozent). Drei Viertel der Befragten aus dem Kreis Saarlouis beschwerten sich allerdings über blockierte Radwege, ein Viertel über die Schwierigkeiten beim Überqueren einer Straße. 18 Prozent empfanden das Radfahren als anstrengend.

73 Prozent aller Befragten halten ein ausreichendes und benutzbares Radwegenetz noch für erforderlich, wonach ein solches im Untersuchungsgebiet offensichtlich nur ansatzweise vorhanden ist.

Positive Erlebnisse der Teilnehmenden mit dem Fahrrad:

Erfahrungen mit dem ÖPNV

Die Befragten hatten schon vor der Aktion Erfahrungen im ÖPNV gesammelt. Dies belegt einerseits, dass 85 Prozent der Befragten den ÖPNV wenigstens ab und zu nutzten, wobei 33 Prozent Streifenkarten oder ein Abo besitzen, also als regelmäßige Kunden anzusehen sind. Andererseits brauchten zwei Drittel der Befragten keine zusätzlichen Informationen über den ÖPNV. Trotzdem nutzten 30 Prozent der Befragten ihr Fastenticket selten (weniger als vier Tage) oder gar nicht.

Auch im ÖPNV fielen die Erfahrungen eher positiv aus. Der Umstieg auf den ÖPNV wurde als stressfreier empfunden (56 Prozent), das Personal als freundlich und hilfsbereit erlebt (38 Prozent), die Fahrtzeit mit Lesen oder Schlafen verbracht (31 Prozent) oder mit Gesprächen mit anderen Fahrgästen (29 Prozent). Ein Viertel der Befragten waren von der Schnelligkeit oder der Zeitersparnis angetan. Ein Fünftel war überrascht von der Pünktlichkeit der Busse und Bahnen. Trotzdem bemängelten 44 Prozent ungünstige Fahrpläne, 36 Prozent Zeitverluste gegenüber der Autofahrt mit Parkplatzsuche, 30 Prozent Unpünktlichkeit, 25 Prozent lange Fahrzeiten, 19 Prozent das Unwissen der Fahrer über die Aktion und 15 Prozent die Unbequemlichkeit der Fahrten im ÖPNV. Dementsprechend waren 58 Prozent der Befragten mit dem Angebot im ÖPNV zufrieden, während 18 Prozent unzufrieden waren und 16 Prozent sich darüber nicht im Klaren waren.

Als besonders gut wurden von den Trierern die Kundenfreundlichkeit (41 Prozent) und die Pünktlichkeit (35 Prozent) bewertet. Verbesserungswürdig fanden die Trierer insbesondere die Preisgestaltung (64 Prozent), aber hier sei auf den Einfluss der Preiserhöhung Anfang März verwiesen. Jeweils ein Fünftel der Trierer kritisierte jedoch auch die Fahrzeugausstattung und Pflege, wobei fast der gleiche Anteil dies besonders gut bewertete, die Anschlüsse, die wiederum der gleiche Anteil gut fand, und das Tarifsystem.

Im Kreis Saarlouis loben sogar 72 Prozent der aus diesem Kreis stammenden Befragten die Kundenfreundlichkeit, 40 Prozent die Pünktlichkeit der Busse. Von jeweils 37 Prozent werden die Busanschlüsse beim Umsteigen, die Anbindung der eigenen Haltestelle und die Preisgestaltung als verbesserungswürdig gewertet. Nur 4 bis 8 Prozent fanden diese Punkte besonders gut.

Positive Erlebnisse der Teilnehmenden im ÖPNV:

Allgemeine Bewertung des AutoFasten ‘99

Analog zu den Erfahrungen mit den einzelnen Verkehrsmitteln werden auch die Erfahrungen, die allgemein während der Aktion gemacht wurden, eher positiv bewertet. Allerdings konzentrierten sich die negativen Erfahrungen stark auf wenige Punkte. Die Hälfte der Befragten hält die Mobilität ohne Auto für zweitaufwendig und fühlt sich von Mitfahrern oder Fahrplänen etc. abhängig. Ein Drittel findet die Mobilitätsalternativen umständlicher. Jeweils ein Viertel der Befragten empfindet diese Art von Mobilität doch als Stress bzw. meint, ohne Auto nicht auskommen zu können.

Dagegen fließen bei 44 Prozent die erfahrene körperliche Fitness positiv in die Bewertung ein, jeweils ein Drittel bewertet Kostenersparnis, das neue Wissen um Mobilitätsalternativen oder die vielfältig möglichen sozialen Kontakte durch die veränderte Mobilität als positiv und jeweils ein Viertel spürt neue Lebensqualität und ein neues Umweltbewusstsein.

Beabsichtigte Konsequenzen der Befragten aus der Aktion AutoFasten’99

63 Prozent der Befragten möchten an der nächsten Aktion AutoFasten wieder teilnehmen. Fast der gleiche Anteil (61 Prozent) wollen in Zukunft unnötige Fahrten vermeiden, 51 Prozent denken daran, häufiger Mobilitätsalternativen zu nutzen, während 40 Prozent einfach weniger Auto fahren wollen. 16 Prozent wollen kein weiteres Auto anschaffen. 14 Prozent wollen andere zum Testen von Mobilitätsalternativen animieren. Auf die offen gestellte Frage nach unterstützenden Maßnahmen zur dauerhaften Veränderung ihrer Mobilität nannten die Befragten folgende Maßnahmen: niedrige Fahrpreise (44 Prozent), verbesserte Anbindung abends und am Wochenende (23 Prozent), Beschleunigung und verbesserte Abstimmung der ÖPNV-Systeme (23 Prozent), verbesserte Anbindung der ländlichen Gebiete (21 Prozent) sowie ein Ausbau des Radwegenetzes (21 Prozent). Interessant ist auch der Vorschlag von 5 Befragten (6 Prozent), besondere Familienangebote zu gestalten.

Fazit

Aus diesen Ergebnissen lassen sich sowohl für die Verkehrsbetriebe als auch für die zuständigen Verwaltungen in den Kreisen interessante, wenn auch nicht ganz neue Möglichkeiten ableiten, Alternativen zum Auto zu fördern.

Besonders der Ausbau des Radwegenetzes steht als Aufgabe der Städte und Gemeinden an. Zusätzlich ist eine Überprüfung des Fuß- und Radwegenetzes hinsichtlich darauf befindlicher Gegenstände und falsch parkender Autos dringend geboten. Konsequente Belegung der widerrechtlich auf Fuß- und Radwegen parkenden Autofahrer mit Geldbußen kann zumindest diesen Missstand mildern. In Bezug auf die Gegenstände ist z.B. zu fragen, warum Schilder für den Autoverkehr auf Fuß- und Radwegen angebracht werden müssen. Die Verkehrsunternehmen könnten durch eine bessere Anbindung während der Schwachlastzeiten und in der Fläche neue Kundenpotentiale erschließen bzw. Fahrgäste, die bisher selten den ÖPNV nutzten, stärker an sich binden. Die häufig geforderte Fahrpreissenkung ist sicherlich aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht einfach durchzuführen, andererseits mag die große Anzahl der Nennungen auch mit der gerade Anfang März in Trier erfolgten Fahrpreiserhöhung zusammenhängen.

Die Frage nach der langfristigen Wirkung der Aktion AUTOFASTEN 99 lässt sich in dieser Untersuchung nicht abschließend beantworten. Die beabsichtigten Konsequenzen der Befragten sind wenig konkret, eher allgemein gehalten. Eine nachhaltige Wirkung lässt sich erst durch eine erneute Befragung zu einem späteren Zeitpunkt feststellen